Das Leben der alten Migranten im Familienverband ist bei Krankheit und bis hin zum Tod oft nicht
mehr möglich. Das kommt zum einen daher, dass unter Umständen Mitglieder der Familie in der Heimat
verblieben sind. Zum anderen erleben und erlernen die jungen Ausländer hier in Deutschland auch
einen Wandel ihrer Kultur. Sie haben oft keine andere Möglichkeit, als ihre alternden
Familienmitglieder in Heimen versorgen zu lassen, da sie in unserer Arbeitswelt ganz anderen
Anforderungen und Arbeitsbedingungen unterworfen sind als in ihrer Heimat. So kommt es, dass in
unseren Alten- und Pflegeheimen zunehmend Menschen verschiedenster Nationalitäten und Religionen
leben und versorgt werden müssen.
Kulturkompetentes Personal gefragt
Nicht selten sind es massive Sprachdefizite und Schwellenängste, die an erster Stelle stehen und
die sehr zeit- und personalintensiv sind. Deshalb sollte kulturkompetentes Pflegepersonal in der
transkulturellen Pflege eingesetzt werden, um adäquat die Bedürfnisse alt gewordener Migranten
zu erkennen und zu befriedigen.
Aus diesem Grunde wäre es optimal, auch Pflegepersonal aus verschiedenen Kulturen in Pflegeheimen,
Krankenhäusern und Sozialstationen zu finden. Ein unterstützendes Angebot an die Versorgung ihrer
Familienmitglieder in der häuslichen Pflege oder im Heim mit einzubeziehen.
Aufmerksamkeit auf kulturelle Prägungen und religiöse Bedürfnisse richten
Kultursensibles Wissen ist eine Grundvoraussetzung für eine adäquate transkulturelle Pflege.
Das bestreben, dieses Wissen zu erlangen, bedeutet die Suche nach einer notwendigen Verständnis-
und Begegnungsmöglichkeit.
Demzufolge ist die Voraussetzung für eine kulturkompetente Pflege nicht das schablonenhafte
Erlernen von kulturellem Wissen nach dem Motto: „Wie pflege ich einen Moslem?“ Die Sensibilität
liegt in der Aufmerksamkeit für kulturelle Prägungen und religiöse Bedürfnisse pflegebedürftiger
Menschen und für die Folgen des Pflegehandelns. Sie ist auf besondere Weise biografie- und
subjektorientiert.
Die wichtigsten ethischen Grundsätze im Umgang mit Muslimen
Essgewohnheiten
Sehr oft wird ausschließlich mit dem Löffel oder auch mit den Fingern Brot gegessen. Kaffee zum
Frühstück ist bei Orientalen nicht Sitte. Es wird immer eine warme Suppe mit Brot gegessen und
ein kaltes Abendessen – wie bei uns – ist undenkbar.
Körperpflege
Dieses Thema hat sehr hohe Tabugrenzen. Deshalb gilt: Frau pflegt Frau, Mann pflegt Mann. Rituelle
Waschungen sind aus religiösen Gründen mehrmals täglich vorgeschrieben. Das Rasieren von Achsel-
und Schambehaarung ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil religiöser Handlungen. Muslimische
Männer werden in der Kindheit zum Zweck der Hygiene beschnitten, Frauen gelten während der
Menstruation als unrein.
Umgang mit Schmerz
Schmerz wird als unangenehm betrachtet und man versucht, sich dabei vor Fremden unter Kontrolle
zu halten. Normalerweise werden Schmerzen deshalb nur im privaten Bereich und vor den nächsten
Familienmitgliedern ausgedrückt. Bei muslimischen Frauen ist der Ausdruck von Schmerzen ein sozialer
Ruf und von elementarer Wichtigkeit. Nicht selten werden Schmerzäußerungen dazu benutzt, soziale
Beziehungen zu manipulieren und somit die gewünschte Aufmerksamkeit der Gemeinschaft zu erlangen.
Gebete und religiöse Rituale
Freitag ist der Ruhetag und vergleichbar mit dem Sonntag bei den Christen. Vor den fünf täglich
vorgeschriebenen Gebeten muss ebenfalls eine rituelle Waschung stattfinden. Der Ramadan ist ein
30-tätiger Fastenmonat, der sich jedes Jahr um sieben Tage verschiebt. Der fastende Muslim kann
erst nach Sonnenuntergang seine Mahlzeit einnehmen. Mit dem Sonnenaufgang beginnt wieder das
enthaltsame Leben. Ramadan ist der Monat des intensiven Hinwendens zu Gott.
Tod und Trauer
Beim Tod eines Familienmitgliedes reißen sich viele Trauernde die Haare aus oder zerfetzen ihre
Kleider und verletzen ihren Körper, um so ihre Trauer zu unterstreichen. Nach Eintritt des Todes
bis zur Beisetzung gibt es eine Reihe festgefügter Handlungen. Es versteht sich von selbst,
dass alles unter Wahrung des nötigen Respekts geschieht. Auch dort gilt: Frauen kümmern sich
um Frauen und Männer um Männer.
Dies waren nun einige Antworten auf Fragen zum Islam. Ich denke, es ist notwendig, sich damit
auseinander zu setzen, denn der muslimische Klient gehört zukünftig in den Pflegeeinrichtungen
zur Realität, stellen doch zum Beispiel die Türken in Deutschland die größte ethnische Minderheit dar.
Fazit
Individuelle und zielorientierte Umsetzung von kultursensibler Pflege im Team setzt voraus, dass alle,
die an der Pflege beteiligt sind – auch die Angehörigen -, in die Pflegeplanung und den Pflegealltag
mit eingezogen sind. Eine umfassende Information ist hierfür Voraussetzung, dies bedeutet in erste
Linie, ein ausführliches Aufnahmegespräch mit dem Klienten und dessen Angehörigen zu führen.
Elisabeth Atmali / Die Schwester Der Pflege 43. Jahrg. 7/04, Seiten 494-497
Definitionen