Essen mit allen Sinnen
Mangelernährung (Malnutrition) ist ein Defizit von Energie, Eiweiß, Nährstoffen, Vitaminen,
Mineralstoffen oder Ballaststoffen, das messbare nachteile Folgen auf die Körperfunktion und
die allgemeine Prognose des Betroffenen hat. Symptome wie Müdigkeit, Apathie und Schwäche werden
oft als „normale“ Alterschwäche fehl interpretiert. Sie führen zu einer eingeschränkten Mobilität,
die durch Erkrankungen wie Osteoporose oder Arthrose noch verstärkt wird. Durch den Abbau der
Muskelmasse erhöht sich das Sturzrisiko. Die Sturzbehandlung kann zu Komplikationen wie Pneumonie,
Dekubitus oder Infektionen führen. Damit erhöht sich der Pflegeaufwand auch wenn „Leichtgewichte“
vordergründig für die Pflegenden leichter zu bewegen sind.
Ursachen für Mangelernährung erfassen und beheben
Für erfolgreiche Behandlung von Mangelernährung ist die frühzeitige Diagnose notwendig, da es im
hohen Alter zunehmend schwieriger ist, verlorene Körpermasse wieder aufzubauen.
Der Ernährungszustand muss regelmäßig erfasst und frühzeitig müssen Maßnahmen der Prävention
beziehungsweise Behandlungen eingeleitet werden. Die Beurteilung ist nicht immer eindeutig, da der
Ernährungszustand eine komplexe Größe ist. Es gibt nicht den goldenen Standard für die Erfassung.
Um ein Gesamtbild zu bekommen, empfehlen Experten die Anwendung mehrerer Methoden: So kann das Mini
Nutritional Assessment (MNA) mit der Anamnese, dem klinischen Eindruck, anthropometischen Methode
wie Größe und Gewicht sowie der Messung von Laborwerten kombiniert werden.
Der individuellen Ursachenforschung folgt die Planung von Gegenmaßnahmen. Ihre Umsetzung sollte in
der Pflegeplanung und –dokumentation nachvollziehbar dargestellt, die Ergebnisse regelmäßig
evaluiert und bei Bedarf gemeinsam mit den Betroffenen eine Neuplanung vorgenommen werden.
Anamnese beziehungsweise Biografieblätter können Einsamkeit, Trauer und andere psychische Geschehen
als mögliche Ursachen von Mangelernährung ergründen. Menschliche Zuwendung seitens des privaten
Umfelds des Patienten, von den Pflegenden, über einen Partnerbesuchsdienst oder im Rahmen des
Besuchs einer Tagespflegeeinrichtung können ebenso helfen wie das Essen in Gemeinschaft in einer
attraktiven Umgebung, zum Beispiel bei einem offenen Mittagstisch. Ernährungsberatung, Gespräche
mit Angehörigen über mögliche Auslöser und Lösungswege, das Eingeben auf Bedürfnisse und Vorlieben,
ein bedarfsgerechtes Nahrungsangebot, die Gabe von Nahrungssupplementen und bei Bedarf eine
Diät können ebenfalls angezeigt sein.
Demenzkranke essen vormittags am besten
Die Gefahr einer Mangelernährung ist besonders bei demenzkranken Menschen groß: Die bei vielen
vorzufindende psychomotorische Unruhe verbraucht sehr viele Kalorien. Beim Gehen angebotenes
Fingerfood ist eine denkbare Lösung.
Die ausreichende Ernährung Demenzkranker hängt neben der Qualität und Quantität der angebotenen
Speisen auch von einer angemessenen Präsentation derselben ab. Demenzkranke erkennen
Nahrungsbestandteile oft nicht richtig und verweigern sie, wenn sie aus ihrer Sicht
„ungeeignet“ sind. Eine Mahlzeit, die aus ähnlich aussehenden Komponenten besteht, können
Demenzkranke nicht als Essen identifizieren. Nicht zu erkennende Teile der Mahlzeit (Mandelsplitter
im Pudding) akzeptieren sie nicht und spucken sie aus. Farbe, Geruch, Geschmack und Konsistenz
der Speisen sollten erkennbar sein und die Sinne anregen, deswegen sollten beim Pürieren nicht
alle Bestandteile vermischt, sondern einzeln auf dem Teller angerichtet werden. Das Geschirr,
von dem gegessen wird, sollte einfarbig sein, weil Muster leicht irritieren. Demenzkranke, die ihre
Wünsche nicht mehr verbal äußern können, müssen in ihrem Essverhalten genau beobachtet, frühere
Vorlieben und Abneigungen erhoben werden. Außerdem essen die meisten Betroffenen in Gesellschaft
besser.
Weil Demenzkranke vormittags am besten essen, sollten das erste und zweite Frühstück aufgewertet
werden. Noch im Bett kann die Pflegekraft ein kohlenhydratreiches Getränke, etwa einen Milchshake
mit Traubenzucker, reichen. Werden zum richtigen Frühstück Breie oder Puddingsuppen mit hohem
Kohlenhydrat-/Eiweißanteil gegeben, kann auf diesem Weg mindestens 35 bis 40 % der benötigten
Tageskalorienmenge abgedeckt werden, heißt es in der „Leitlinie Ernährung“ der Münchenstift GmbH.
Medikamente können Essverhalten beeinflussen
Neben einer Demenz wirken sich verschiedenen Krankheiten nachteilig auf Nahrungsbedarf, Appetit,
Nehrungsaufnahme und Nehrungsverwertung aus. Diese müssen genauso optimal behandelt werden,
wie eventuell bestehende Schmerzen. Während der Therapie können die Pflegekräfte die Patienten
gegebenenfalls mit Supplementen, Sondennahrung, parenteraler Ernährung oder einer speziellen Diät
ernähren. Die medikamentöse Behandlung kann aber auch Ursache von Ess- und Trinkschwierigkeiten
sein. Deswegen sollte der Mitarbeiter des Pflegedienstes die Beipackzettel der verabreichten
Medikamente sorgfältig lesen und bei Hinweise auf Nebenwirkungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes
mit dem behandelnden Arzt über Alternativen oder vorübergehende Medikamentenpause sprechen.
Body-Mass-Index (BMI)
Der Gewichtsstatus kann mit dem Body-Maß-Index (BMI) erfasst werden. Der BMI wird mit der folgenden
Formel berechnet:
BMI = Gewicht in Kilogramm dividiert durch Größe in Metern zum Quadrat.
Beispiel: Herr Müller ist 1,72 m groß und wiegt 84 kg
BMI = 84/(1,72*1,72) = 84/2,96 = 28,38
Der BMI-Wert von Herrn Müller liegt bei 28. er hat leichtes Übergewicht.
Graduierung des Ernährungszustandes:
• Schwere Malnutrition/starkes Untergewicht BMI < 16
• Mittlere Malnutrition BMI 16,1-17,5
• Leichtes Malnutrition/Untergewicht BMI 17,6-18,5
• Normalgewicht BMI 18,6-25
• Leichtes Übergewicht BMI 25-30
• Adipositas BMI > 30
• Extreme Adipositas BMI > 40
• Geriatrie: Malnutrition BMI < 20
In der Geriatrie wird bereits bei einem BMI von unter 20 von einer Mangelernährung gesprochen.
Gemäß eines Hinweises in der Grundsatzstellungnahme des MDS sollte der BMI bei über 65-Jährigen
zwischen 24 und 28 liegen. Dieses diene als Reserve bei akuten Erkrankungen. Bei normalgewichtigen
Patienten sollte der BMI halbjährlich überprüft werden. Bei einem BMI unter 20 sollten Maßnahmen
durchgeführt werden, die eine Gewichtszunahme nach sich ziehen, der BMI sollte einmal im Monat,
bei positivem BMI-Verlauf mindestens alle drei Monate durchgeführt werden, raten die Experten
der Münchenstift GmbH.
Sigrid Daneke/ Häusliche Pflege November2005_14.Jahrgang, Seiten 30-32